Von Baklava bis zur Hochzeitstorte

In der Pichelsdorfer Straße 91 betreibt eine syrische Familie eine neue Konditorei.

Wie unterschiedlich ein und derselbe Raum duften kann. Noch vor einem Jahr wurde man im Ladengeschäft Pichelsdorfer Straße 91 von einem angenehmen, dezenten Duft umfangen, eine Melange aus frischem Kaffeearoma und gutem Tabak mit Aromen von Holz und altem Leder … Wo bis Ende 2018 das Traditionsgeschäft »Zigarren-Lüdicke« seine Kunden empfing, bis es endgültig seine Türen schloss, riecht es heute ganz anders.

Wer die Tür öffnet, wird automatisch von ei­ner verlockenden süßen Duftwolke ins Ge­schäft gezogen. Es riecht nach Honig, Kara­mell, Vanille, Gewürzen, frisch Gebackenem. Seit kurzem betreibt hier eine syrische Fami­lie die »Konditorei Munem« und bietet »Ori­entalische und westliche Süßigkeiten und Kuchen für alle Gelegenheiten« an.

Im Schaufenster prangen kunstvolle, ver­schwenderisch dekorierte Tortengebilde. Wesentlich sachlicher und doch prägnant fällt das Design im Verkaufsraum aus: Die Verkaufstheke hat ein geometrisches Mus­ter aus Cremeweiß und dunklem Braun, das sich hier und da im Raum wiederholt. An zwei kleinen Tischchen mit vier Sitzplätzen kann man im Geschäft auch bei Tee und Kaf­fee entspannen und ein paar der zahllosen Leckereien probieren, die hinter der Theke aufgereiht sind: unterschiedlichste Sorten Baklava mit Pistazien, Datteln und anderem, außerdem Kekse und Kleingebäck und fri­sche, appetitliche Törtchen mit Sahne, Früch­ten und farbigen Dekors. An den Wänden stapeln sich ordentlich Dutzende Familien-­ und Geschenkpackungen Baklava.

Hinter dem Verkaufstresen steht Herr Mu­nem, ein stiller, beinahe schüchterner, zu­ vorkommender Mann. Zum Tee und Kaffee bringt er gleich ein paar Kostproben des Hauses mit: kleine Stückchen unterschied­lichen Baklavas. Sie schmecken köstlich. Man vergesse hier jene Baklava, die man ge­meinhin als Massenware aus den meisten türkischen und arabischen Cafés und Läden kennt, die vor Fett und Honig triefen und ultrasüß sind.

Hier schmeckt das ganz anders: die Baklava­ Stückchen kann man sich auch mit Fingern in den Mund schieben, ohne dass sie danach klebrig sind. Die Süße ist angenehm dezent, nicht dominant, und bringt die anderen Aromen zur Geltung.

Herr Munem erzählt, dass er für den Verkauf zuständig ist, während sein Bruder hinten im Backraum die Torten, Törtchen und an­deres Kleingebäck zubereitet. Die Baklava allerdings machen sie wegen der großen Menge nicht selbst, sondern lassen es sich von einem Baklava­-Bäcker ihres Vertrauens liefern. Neben Herrn Munem steht ein jun­ger Mann, sein Sohn, und dolmetscht, denn der Geschäftsinhaber kann Deutsch bisher holprig. Die Jungen sind da bekanntlich – durch den Schulbesuch hier und die Kum­pels – viel eher fit in Deutsch. Die Familie kam erst vor drei Jahren nach Deutschland. Und Hut ab: Wer es schafft (wie übrigens auch die syrische Familie vom Obst­ und Ge­müseladen ein paar Schritte weiter), sich in einem bis dahin fremden Land binnen kür­zester Zeit eine unabhängige Existenz auf­zubauen, ein Geschäft, das auch die Familie ernährt, dem gebührt die höchste Achtung. Und so hat die Wilhelmstadt zwar ein altes Traditionsgeschäft verloren, aber eine vor­zügliche Konditorei gewonnen. Ein herzli­ches Willkommen an die Neu­-Spandauer!

Konditorei Munem, Pichelsdorfer Straße 91, Tel. 33 97 81 38, täglich gehöffnet von 8–21 Uhr, sonntags 8–16 Uhr

Ulrike Steglich, Wilhelmstädter Magazin Nr. 5, Dezember 2019/Januar 2020

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