Guter Schuh, aufrechter Gang

In der »Schuhwerkstatt« in der Pichelsdorfer Straße wird Handwerk mit Qualität geboten

Wer vor dem Ladenlokal der »Schuhwerkstatt« in der Pichelsdorfer Straße 71 stehen bleibt, glaubt sich in eine andere Zeit versetzt. In der Auslage steht eine uralte Nähmaschine, daneben liegen Handwerkzeuge wie aus Großvaters Zeiten, hölzerne Schuhspanner und Leisten. Auch wer die Tür auf drückt und die Werkstatt betritt, wird den Eindruck der Zeitreise nicht los. Robuste Maschinen, die aussehen, als würden sie auch die kommenden hundert Jahre über dauern.

Ein Geselle, der gerade Lederabsätze schleift, eine Stepperin, die an der Nähmaschine sitzt und Schuhe näht. Und mitten drin steht Schuhmachermeiser Norbert Krause, der erzählt, dass dieser Betrieb schon seit 1940 besteht. Krauses Vater hatte ihn in Charlottenburg gegründet, im Jahr 1961 zog er in die Spandauer Wilhelmstadt um. 1972 übernahm dann Sohn Norbert Krause die Werkstatt, im Alter von 26 Jahren.

Er zeigt Ledersohlen und Nähmaschinen, mit denen man diese Sohlen an Schuhe annähen kann, und erklärt den Unterschied zwischen dem Schuhmacherhandwerk und dem, was sogenannte Schnellschuster anbieten. »Wenn Sie Ihre Schuhe bei uns reparieren lassen, bürgen wir für Qualität«, sagt Krause. Das liege unter anderem an den Materialien, die sie verwenden: Nur natürliches Leder kommt bei ihm ins Haus: »Was man in manchem Laden als ›echtes Leder‹ kauft, ist oft nur bessere Pappe«, bemängelt der Schuhmachermeister. Er dagegen beziehe seine Ware aus einer der wenigen »Altgerbereien« Deutschlands. Dort würden die Kuhhäute noch »ohne Chemie« gegerbt. Bis es gebrauchsfertig sei, müsse so ein Leder etwa ein Jahr lang reifen. Wenn er von Schuhen und Lederverarbeitung spricht, klingt es, als ginge es um wertvolle Weinsorten, die jahrelang in speziellen Fässern schlummern müssen, um die gewünschte Qualität zu erreichen. Oder um Trauben, die man nur so und nicht anders anfassen darf, wenn man sie erntet. Und genau so meint er es auch: Wie man einen Schuh verarbeitet, sei doch etwas Wesentliches, sagt er.

Gutes Leder, gute Sohlen, gutes Schuhwerk. Der gute Sitz des Schuhs ermögliche doch erst den aufrechten Gang!

Während Krause spricht, hört man Schleif- und Poliermaschinen, atmet Leder und Kleberduft und fragt sich, wie lang der aufrechte Gang dieser Schuhmacherwerkstatt wohl noch möglich sei. Immerhin mussten viele alteingesessene Handwerksbetriebe in der Pichelsdorfer Straße aufgeben. Billigläden, Ketten, Schnellreparaturen sind auf dem Vormarsch. Aber Krause schüttelt entschieden den Kopf: »Unsere Werkstatt ist gerade deshalb gefragt, weil wir traditionelles altes Handwerk anbieten.« Über Jahrzehnte hinweg hat er sich einen Kundenkreis aufgebaut, der hochwertige Schuhe und Lederwaren zum Instandsetzen ganz gezielt zu ihm in die Wilhelmstadt bringt. »Da, schauen Sie«, sagt Krause und nimmt ein gewaltiges, wildledernes Ding von einem Haken: »Eine Hufschmiedschürze. Sie ist aus speziellem, sehr dicken Leder gemacht.« Nur wenige Schuhmacher würden solche Aufträge noch annehmen. »Und schauen Sie, hier«, sagt er und weist auf etwa eine Reihe altertümlich anmutender Eisengerätschaften. »Mit diesen Blöcken können wir Stiefelschäfte weiten – und zwar so, dass der Schaft anschließend haarscharf am Bein anliegt. Wenn ein Mensch etwa ein paar sündhaft teure Reitstiefel kauft, nur der Schaft ist einen Tick zu eng, dann braucht er einen Schuhmacher, der genau das noch kann.« Ein weiterer Kundenkreis sind Menschen, die wieder dazu übergehen, seltener neue Schuhe zu kaufen, dafür aber in Qualität zu investieren. Und wenn diese Schuhe nach Jahren schadhaft werden, ist ein Schuhmacher gefragt, der von der Pike auf weiß, wie man einen Lederschuh macht. So wie Krause. »Mittlerweile geben hochpreisige Schuhgeschäfte ihren Kunden unsere Adresse weiter«, sagt er. Seine Kundschaft stamme aus allen Teilen Berlins, aus Potsdam und auch aus dem Umland. Das Geschäft laufe gut. Und obwohl seine Branche unter Nachwuchsproblemen leidet, hat er im Oktober erst einen neuen Meister eingestellt. Er ist 23 Jahre alt, heißt Daniel Kirchner und steht im Moment gerade an der Absatzpresse. Er lächelt und nimmt einen Stiefel zur Hand.

»Wir schauen optimistisch in die Zukunft«, sagt Meister Krause beim Abschied. Und mit einem Mal wirkt die Werkstatt sehr jung.

Tina Veihelmann – Wilhelmstädter Magazin Nr. 2, April/Mai 2013

 

Schuhwerkstatt Norbert Krause, Pichelsdorfer Straße 71, Tel.: 361 68 35
Öffnungszeiten: Mo – Fr: 8 – 18 Uhr; Sa: 8 – 13 Uhr;

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