Eine Harley in Zartbitter!

Schokolade gibt es als Engel, Schraube oder Hüftgelenk. Im »Schoko-Engel«

Eigentlich muss man einen Kaffee dazu trinken. Wie gut, dass es hier welchen gibt – und Sylvia Leopold, Mitarbeiterin im »Schoko-Engel«, bereits Espresso serviert, während man im Ladenlokal an einem der beiden Cafétische sitzt und sich die Pralinen im Mund zergehen lässt. Kauen wäre dabei völlig falsch: Ein »Nougatchampignon« schmilzt auf der Zunge. Ein »Champagnerkorken« zerfließt. Und ein Lavendeltrüffel schmeckt nach dem Duft eines ganzen Lavendelfeldes.

»Ich wollte hier etwas Besonderes machen», sagt Christiane Müller, die das Schokoladengeschäft in der Pichelsdorfer Straße 85 vor vier Jahren übernahm und jetzt im grünen Kleid und mit leuchtend roter Designerbrille in ihrem Ladenraum steht und Pralinen offeriert. »Besonders« ist das Stichwort – besonders ist das Outfit der Chefin, ebenso wie die Trüffel mit echten Blütenblättern und die Einrichtung: barock nachempfundene Regale, Kommoden und Beistelltischchen, hier und da Engel, mal als goldgerahmtes Bild, mal als Wanddekor – und überall drapierte, mit Schleifen geschmückte Schokoladenpräsente.

»Präsente sind unser Steckenpferd«, erklärt Müller, und noch während sie spricht, dudelt ein Telefon. Verkäuferin Sylvia nimmt ab und sagt: »Ja?« – »Ein Motorrad in Zartbitter. Das müsste möglich sein.« Als der Anrufer aufgelegt hat, klärt sie auf: Ein Motorradfreak plant, einen runden Geburtstag zu feiern. Und seine Freunde wollen als Überraschung etwas Besonderes für ihn: Seine Harley Davidson in Schokolade. Deren Bild werden seine Freunde gleich per Mail schicken. Wenn es dann da ist, wird nach diesem Vorbild die Harley naturgetreu auf eine tortengroße Tafel aus Vollmilchschokolade gezeichnet – der Tank und die Kühlrippen in Zartbitter, die Speichen und die Spiegel in Cremeweiß.

»Man muss sich etwas Ausgefallenes ausdenken, wenn man als Gewerbetreibende in der Pichelsdorfer Straße bestehen will«, sagt Frau Müller, die eine selbstbewusste Dame ist und der man sofort zutrauen würde, dass sie selbst in der Wüste Gobi bestehen würde. Wobei die Pichelsdorfer freilich nicht die Wüste Gobi ist, ganz im Gegenteil. Während wir weitere Schokoladenpräsente betrachten, erzählt Frau Müller, dass sie die Geschäftsstraße schon seit ihrer Kindheit kennt – und immer mochte: ihrer besonderen Spezialgeschäfte wegen – für Spielwaren, Eisenwaren oder Schmuck.

Heute sei die Pichelsdorfer anders geworden – viele der besonderen Läden seien verschwunden, und selbst die Filiale der Berliner Bank machte dicht.

Wer von den Händlern noch da ist, müsse kämpfen. Deshalb dachte sich Christiane Müller, die früher Lehrerin war und aus Passion das Geschäft übernahm, dass eine Idee her müsse. Etwas, das Klasse hat und zugleich praktisch ist. Praktisch sei es, zu Anlässen wie Geburtstagen, Firmenjubiläen oder Hochzeiten mit Mitbringseln aufwarten zu können, die ein sind wie Schokolade – und persönlich wie eine Lieblingsharley. Und während sie erläutert, dass die Lavendeltrüffel ebenso wie die Zartbitterharley in einer Schokoladenmanufaktur in der Lausitz gemacht werden, sehen wir uns nacheinander Schokoladentafeln mit Lieblingsdackeln, Eisenbahnen und Schriftzügen wie »Den Falkenberger Tanzmäusen« an. Jegliches Motiv kann man bei Schoko-Engel bestellen.

»Und jetzt zeige ich Ihnen noch etwas«, sagt Müller, steht auf und kommt mit einem Kästchen zurück, in dem ein Differentialgetriebe ruht. Ein was? Genau, ein Differentialgetriebe aus Schokolade. Und zwar kein ungefähres, sondern ein haargenaues Nachbild eines Differentialgetriebes, erläutert Müller. Die Zacken sind so präzise gearbeitet, dass sie ineinandergreifen. Kakaostaub erweckt den Eindruck von etwas Rost. Das Getriebe ist Teil der Reihe »Werkzeuge aus Schokolade«, – »für Hydrauliker«, »für Elektriker« oder »für Maurer«. Schließlich sei die Wilhelmstadt traditionell ja ein alter Handwerkerbezirk. Gefertigt würden die Schrauben, Hämmer und Lötkolben in einem Schokoladenfamilienbetrieb der dritten Generation in Norditalien.

»Und was ist das Besonderste unter Ihren Besonderheiten, Frau Müller?« – Christiane Müller denkt nach. Dann holt sie etwas, das der noch uneingeweihte, etwas jüngere Gast nicht gleich erkennen kann. Es sieht aus wie ein Tischtennisball, der in einem Mörser hockt. Aus dem Ball ragt ein keilförmiger Schaft. »Ein Hüftgelenk«, sagt Müller. »Das war unsere eigene Erfindung. Wir haben es in Auftrag gegeben, und hergestellt wird es wie die Werkzeuge in Italien.«

Das Hüftgelenk sei ein Dauerrenner. Weshalb? Weil die Wilhelmstädter wie der Rest der Welt immer älter werden. Und was ist ein schöneres Geschenk als das Versüßen einer Verschleißoperation?

Tina Veihelmann – Wilhelmstädter Magazin Nr. 3, Juni/Juli 2013

 

Schoko-Engel, Pichelsdorfer Straße 85, Tel.: 30 36 50 98 72, www.schoko-engel.de
Öffnungszeiten: Mo – Fr.: 10 – 18 Uhr, Sa: 10 – 14 Uhr

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