»Wir leben von den Stammkunden«

Im Juwelierladen Luchterhandt

Im April feiert der Juwelierladen Luchterhandt das 34. Geschäftsjahr in der Pichelsdorfer Straße. Vor allem die vielen Stammkunden halten den Laden am Leben, denn steigende Goldpreise und eine veränderte Sozialstruktur machen es schwer, das Geschäft weiter zu betreiben.

Erika Luchterhandt sitzt im Vorderbereich des Juwelierladens und zieht eine wertvolle Tahiti-Perlenkette auf. Mit feiner französischer Seide fädelt sie die Perlen, die Kette sieht danach aus wie neu. Das Spezialgebiet des Uhrmachermeisters Detlef Luchterhandt ist die sorgfältige Aufarbeitung und alle anfallenden Reparaturen an Uhren.

Als das Ehepaar vor 34 Jahren das Juweliergeschäft übernahm, gingen die Geschäfte gut. Die Pichelsdorfer war
eine belebte Einkaufsstraße, es gab Banken, viele Fachgeschäfte und das Kino »Regina« schräg gegenüber. Erika und Detlef Luchterhandt haben sich immer stark für ihre Nachbarschaft eingesetzt – sie waren Mitbegründer der AG Wilhelmstadt. Regelmäßig traf sich die Arbeitsgruppe und tauschte sich aus, organisierte Bälle und Straßenfeste.

»Heute ist das anders: Die Fluktuation der Geschäft ist hoch, und nachdem die Buslinie 34 nicht mehr über die Pichelsdorfer Straße fuhr, waren wir auch vom Zentrum abgeschnitten«, sagt Erika Luchterhandt. »Man konnte beobachten, wie nach und nach eine Bankfiliale nach der nächsten dicht machte. Ich will gar nicht daran denken, was passiert, wenn der Supermarkt und die Drogerie schließen würden. Dann käme ja gar keine Laufkundschaft mehr durch.« So wird weiter auf die Stammkundschaft gesetzt.

»Ein Kunde hat als 16-Jähriger den ersten Silberring zur Verlobung bei uns gekauft. Vor kurzem war jetzt sein Sohn da und kaufte hier seinen Ehering. Das sind natürlich schöne Geschichten, die zeigen, dass man auf ein gewachsenes Vertrauensverhältnis bauen kann.«

»Früher haben wir Goldschmuck für viele Tausend Mark verkauft. Das ist heute selten geworden. Der Schmuck wurde auch anders produziert«, erklärt Detlef Luchterhandt. »Wir bezogen viel Ware von kleinen Herstellern aus Pforzheim, Deutschlands Goldstadt, und fertigten in unserer Werkstatt individuelle Einzelstücke an. Heute wird vor allem in Asien produziert. Der Trend geht zudem Richtung Silberschmuck, da der Rohstoff Gold sehr teuer geworden ist.«

Der Juwelier beobachtet auch, dass viel Goldschmuck verkauft wird. Herr Luchterhandt geht mit einer Kundin in den Nebenraum, setzt sich die Lupe auf und beurteilt die Wertigkeit ihrer Schmuckstücke. Mit Bedacht und Mitgefühl spricht er auf die ältere Dame ein. Er schlägt ihr vor, die schönen Stücke eventuell übers Internet zu verkaufen, denn er kann ihr nicht mehr bieten als den effektiven Goldpreis
.
»Das erleben wir hier oft«, sagt Erika Luchterhandt. »Es zeigt, dass mit der zunehmenden Altersarmut, die wir hautnah miterleben, in den nächsten Jahren ein Riesenproblem auf uns zukommt.« Die älteren Menschen verkaufen ihren Schmuck, der mal sehr viel gekostet hat – auch weil sie kaum noch Gelegenheit haben, ihn zu tragen und sich unsicher fühlen, den Goldschmuck in der Öffentlichkeit zu zeigen. Das ist schon traurig.«

Nathalie Dimmer – Wilhelmstädter Magazin, Nr 2. April/Mai 2014

Juwelierladen Luchterhandt, Pichelsdorfer Straße 112 , Tel. 331 40 66

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