Ein Erzgebirgsuniversum in der Adamstraße

Seit über zwanzig Jahren betreibt Günter Münzberg sein Geschäft an der Adamstraße 49. Sein Angebot an handgefertigten Holzarbeiten aus dem Erzgebirge hat er kontinuierlich ausgebaut. Und er weiß zu fast jedem Exponat eine Geschichte zu erzählen.

Seine Leidenschaft für die erzgebirgische Volkskunst begann schon als Kind. Sein erstes eigenes Stück bekam Günter Münzberg von seiner Oma geschenkt. Die Darstellung einer Kurrende mit Seiffener Kirche wurde immer zur Adventszeit aufgestellt und sorgte für besinnliche Stimmung in der Familie. Das Geschenk der Großmutter wird von Günter Münzberg auch heute noch gehütet wie ein kostbarer Schatz.

»Damals in der DDR war es unglaublich schwer, an Holzarbeiten aus dem Erzgebirge heranzukommen«, sagt der gebürtige Sachse. »Ich bin öfter in die Gegend gefahren, doch vor den kleinen Werkstätten und Läden waren immer lange Schlangen. Wenn man Glück hatte, konnte man ein oder zwei Exemplare erwerben.«

Per Ausreiseantrag kam er 1984 in die Wilhelmstadt. Seit 1990 betreibt er den Laden in der Adamstraße, den er von seinem Schwager übernahm, zunächst noch als Second-Hand-Laden für Spielwaren und Kinderbedarf. Dann baute er das Angebot an Handwerkskunst kontinuierlich aus. Er knüpfte Kontakte mit den Herstellern vor Ort und verkauft inzwischen nur noch Artikel aus dem Erzgebirge. Über 4500 Exemplare hat er im Sortiment, darunter allein 800 verschiedene Räuchermännchen.

Betritt man den kleinen, etwa 30 Quadratmeter großen Laden, wird man förmlich überwältigt von der Fülle der hier ausgestellten Stücke. Hinter Glasvitrinen eröffnet sich ein ganzes Erzgebirgsuniversum mit Winterlandschaften, Musikantenengeln, Blumenkindern. Vor jedem Regal bleibt Münzberg stehen und erzählt über Ursprung und Geschichte der Räuchermännchen, Nussknacker, Pyramiden und Schwibbögen. In seinem Geschäft wird die ganze Vielfalt der kunstvollen Holzverarbeitung sichtbar. Fast vergessene Techniken wie die Reifendreherei sind hier zu bewundern, Laubsägearbeiten und das aufwendige Spanbaumstechen.

»Mein Wunsch ist es, die gesamte Bandbreite der Volkskunst darzustellen. Dazu gehören auch Artikel, die ich vielleicht nur einmal im Jahr verkaufe, die aber einfach zum Sortiment dazugehören. Meine Kunden wissen diese Vielfalt zu schätzen. Sie wissen auch, dass ich hier nur Originale verkaufe und keine Plagiate aus Fernost. Die Artikel sind nicht ganz billig, denn es wurde viel Arbeit und Mühe für die Herstellung investiert. Aber sie sind ihren Preis wert.«

Herr Münzberg ist ein freundlicher Mann mit sanfter Stimme. Wenn er über die Situation der Geschäftstreibenden in seinem Viertel spricht, schwingt jedoch viel Frustration mit. »Früher waren die Pichelsdorfer und die Adamstraße wirklich schöne und lebendige Geschäftsstraßen mit vielen Fachgeschäften. Es gab jedoch Stimmen, die prophezeiten, dass die Wilhelmstadt untergeht, wenn die ›Spandau Arcaden‹ aufmachen. Und so ist es gekommen.«

Vom Erlös der Handwerkskunst allein kann Günter Münzberg, nicht leben. In seinem Laden kann man Telefon- und Internetverträge abschließen, er macht Kleintransporte und betreut für zwei große Hausverwaltungen Wohnungen in ganz Berlin. Die verschiedenen Tätigkeiten gehen ineinander über, er kommt mit vielen Leuten ins Gespräch und hat einen guten Überblick über die Situation in der Wilhelmstadt.

»Wenn sich nur noch Leute für eine Wohnung bewerben, die vom Jobcenter bezahlt wird, dann ist das schon bedenklich. Dabei hat Spandau durchaus mehr zu bieten als einen schlechten Ruf. Die Mietpreise sind noch bezahlbar, die Wohnungen sind meistens in gutem Zustand. Man ist einerseits schnell im Grünen und hat andererseits gute Verkehrsanbindungen ins Berliner Zentrum.« In letzter Zeit scheint es wieder ein wenig bergauf zu gehen, erzählt er. Langsam ziehen auch wieder mehr junge Leute und Familien mit Kindern her – und somit auch potentielle neue Kundschaft für seinen Erzgebirgsladen.

»In meinem Laden werden Sammelleidenschaften geboren. Manchmal reicht dazu ein kleiner Anstoß. Es kommen einige Leute hierher, die schon als Kind hier gekauft haben. Für viele hat die Erzgebirgskunst an Bedeutung verloren – bis sie selber Kinder kriegen und mit der eigenen Familie Weihnachten feiern. Plötzlich werden die Erinnerungen aus der eigenen Kindheit wieder wach. Sie suchen nach dem Zauber und dem Staunen von einst und wollen dieses Gefühl an die nächste Generation weiter geben.«

Nathalie Dimmer – Wilhelmstädter Magazin, Erstausgabe, Dezember 2012

 

Erzgebirgische Volkskunst Münzberg, Adamstraße 49, Tel.: 362 61 28, www.erzgebirge-in-berlin.de
Öffnungszeiten: Mo – Fr: 10 – 18 Uhr; Sa: 10 – 13 Uhr

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