Die Nachbarschaft nicht im Stich lassen

Marzanna Rincke hat aus »Elektro-Wagner« in der Adamstraße ein neues Schreibwarengeschäft gemacht – und führt den Postbetrieb weiter

Vor fast genau einem Jahr übernahm Marzanna Rincke das Geschäft in der Adamstraße, das zuvor viele Jahre als »Elektro-Wagner« bekannt war und in dem sie selbst mehr als 18 Jahre angestellt war. Als ihr Chef im letzten Jahr in den Ruhestand ging, entschied sie sich, den Laden weiterzuführen – nur etwas anders. Aus dem einstigen Elektrowarengeschäft machte sie vor einem halben Jahr einen liebevoll gestalteten und geführten Schreibwarenladen, der am 3. Oktober nach aufwändigem Umbau eröffnete und über den sich die Wilhelmstadt freuen kann.

Dabei ist ein ganz wesentlicher Bestandteil geblieben: das Postgeschäft. Für Marzanna Rincke ein ausschlaggebender Grund, mit dem Geschäft den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen. Denn nachdem die einstige Postfiliale in der Adamstraße vor Jahren schloss, war »Elektro-Wagner« in die Bresche gesprungen und hatte als Filiale wichtige Postdienste übernommen: Paketannahme und -abgabe, Briefmarkenverkauf und andere Dienstleistungen.

Marzanna Rincke erzählt: »Als mein damaliger Chef in Rente ging, fragte die Post vor einem Jahr an, ob ich die Postfiliale im Laden nicht weiterführen könnte. Und es wäre mir schwer gefallen, das alles sein zu lassen. Schließlich gibt es hier auch sehr viele ältere Menschen, die auf den Postbetrieb in der Nähe angewiesen sind. Wenn die immer zu den Spandau Arcaden fahren müssten, wäre das eine Zumutung. Also habe ich mich entschlossen, mich selbstständig zu machen. Leicht war das nicht, sondern ein großer Kraftakt. Und anfangs war ich auch nicht begeistert von der Idee. Selbstständig zu sein, bedeutet eine gewaltige Verantwortung, die ich auch für meine Mitarbeiter habe: Ich habe bis November einen Praktikanten und außerdem eine Teilzeitkraft. Ich selbst arbeite 11 bis 13 Stunden am Tag. Aber ich fand, dass man das den Leuten nicht antun kann, wenn sie bei Postdienstleistungen gar keinen Anlaufpunkt mehr hier haben.

Und dann dachte ich, dass Schreibwaren thematisch sehr gut dazu passen. Also stellten wir das Sortiment komplett um. Hinzu kommt, dass ich selbst sehr gern male und bastle, ich habe also auch einen persönlichen Bezug zu dem, was wir jetzt hier anbieten.«

Marzanna Rincke kommt ursprünglich aus Polen, das hört man am charmanten Akzent. Sie hat zwei Söhne, davon ist einer bereits erwachsen. Seit sieben Jahren ist Frau Rincke sogar stolze Großmutter eines Enkels – was man der jugendlich wirkenden Frau niemals ansehen würde.

Sich mit 48 Jahren selbstständig zu machen, war nicht leicht. »Man macht natürlich erst einmal auch viele Fehler und muss manchmal auch böse dafür bezahlen. Aber man fühlt die Verantwortung für die Nachbarschaft. Ich wollte sie nicht im Stich lassen. Aber es gibt jetzt so viel Anerkennung von anderen – das allein ist die ganze Mühe wert.«

 

Ulrike Steglich, Wilhelmstädter Magazin Nr. 2, März/ April 2017

Schreibwaren Rincke, Adamstraße 47, Tel. 030-70 23 77 70

 

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