12 Jahrzehnte Pharmaziegeschichte

Die Hohenzollern-Apotheke an der Pichelsdorfer Straße 101 beging im November ihr 120-jähriges Jubiläum

Die moderne Ausstattung, die ausgeleuchteten Regale mit diversen Bädern, Cremes, Grippemitteln und Tees lassen nicht erahnen, dass die Hohenzollern-Apotheke 120 Jahre Pharmaziegeschichte birgt. Lediglich ein Schaufenster wirkt wie der Blick in ein früheres Jahrhundert: alte Keramik- und Glasbehälter, Mörser und der Abzug einer Fotografie, die irgendwann zwischen 1910 und 1920 entstanden sein muss.

Heute gehört Dr. Hans-Werner Kopsch die Apotheke. Seine Tochter Sabine Neeb steht am Empfang – mit ihrem Bruder wird sie die Apothekendynastie ihrer Familie in die nächste Generation führen. Bereits Großvater Willy Kopsch stand hier hinter der Theke.

Dahinter gibt es mehrere Räume, die dem Kunden sonst verborgen bleiben. Zeitweise wurden hier mit einer Tablettenmaschine Medikamente hergestellt, außerdem Präparate gekocht und Sterillösungen in dem eigens dafür eingerichteten Labor hergestellt. »Die Zeiten, in denen die Apotheker in so genannten Stoßkammern Kräuter in riesigen Mörsern zerkleinerten und selbst Medikamente herstellten, sind aber längst vorbei«, sagt Hans-Werner Kopsch, der ab 1962 die Apotheke gemeinsam mit seinem Vater Willy Kopsch führte und sie 1975 nach dessen Tod übernahm. »Heute läuft die gesamte Produktion nur noch über globale Pharmakonzerne.«

Hans-Werner Kopsch wurde 1936 in Spandau geboren, in der Wohnung über der Apotheke ist er aufgewachsen. »Mein Spielplatz war die Apotheke. Ich bin in den Betrieb hineingewachsen und konnte mir nie einen anderen Beruf vorstellen. Nach dem Studium und der Promotion in Freiburg heiratete ich meine damalige Freundin – ebenfalls Apothekerin – und zog mit ihr nach Berlin.«

Eva Maria Kopsch ist wie ihr Ehemann Apothekerin aus Leidenschaft. Sie übernahm Anfang der 1970er Jahre die Apotheke am Ziegelhof in der Wilhelmstraße 165. »Wir leben davon, dass viele treue Kunden zu uns kommen«, sagt Herr Kopsch. »Service und Dienstleistung sind elementar in unserem Beruf. Wenn Kunden richtig empfangen und begrüßt werden und eine gute Beratung erfahren, kommen sie auch gern wieder. Das gilt für die Pharmazie ebenso wie in der Gastronomie. Deshalb macht uns die Internet-Konkurrenz auch nicht viel aus – der zwischenmenschliche Kontakt ist immer noch die beste Kundenbetreuung.« Verwunderlich ist es also nicht, dass Hans-Werner Kopsch und seine Frau fast jeden in der Wilhelmstadt kennen – zumindest jene, die schon lange hier wohnen.

»Die Zeit ist schnelllebiger geworden, die Mobilität hat kontinuierlich zugenommen. Für viele ist das Einkaufen in großen Geschäftszentren mit integriertem Parkhaus jetzt einfacher und bequemer. Das war früher anders, denn mit der Straßenbahn dauerte es damals lange bis in die Innenstadt. Die Pichelsdorfer Straße war ja eine richtige Geschäftsstraße, alle Dinge des täglichen Gebrauchs konnte man hier kaufen, und es gab viel Kontakt untereinander. Man traf sich auf der Straße.«

Allerdings würde sich Herr Kopsch auch nicht die Menschenschlangen zurückwünschen, die umittelbar nach Kriegsende 1945 vor der Apotheke anstanden. Viele brauchten Hilfe. Damals mussten Polizisten den Verkehr an der Menge vorbei regeln. Dem Apotheker ist anzumerken, dass ihn die Bilder, die er als Kind zu Kriegsende erlebte, immer noch nicht verlassen.

Die Hohenzollern-Apotheke, die am 15. November ihr 120jähriges Jubiläum beging, wurde in der Pichelsdorfer 101 gegründet, wo sie sich noch heute befindet – allerdings war dies bei der Gründung noch die Hausnummer 14, die Pichelsdorfer Straße wurde in den 1940er Jahren neu geordnet. Ein Emblem des Erstbesitzers Friedrich Koch mit der Aufschrift 1893 hängt über dem Tresen der Apotheke. Das ist die früheste existierende Urkunde über das mögliche Gründungsjahr.

Nach einem weiteren Besitzerwechsel übernahm 1911 der jüdische Apotheker Max Friedländer die Geschäfte in der Pichelsdorfer Straße. Im Jahr 1934 verkaufte er das Haus mit der Apotheke an Willy Kopsch, Hans-Werner Kopschs Vater. Aber über diese Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg kann Hans-Werner Kopsch natürlich aus persönlichem Erleben nicht berichten. Der einstmalige jüdische Apothekenbesitzer Max Friedländer starb am 12. März 1943 im sogenannten »Arbeitserziehungslager« Großbeeren der Nazis – so geht es aus den noch vorhandenen Unterlagen hervor.

Die Apotheke zeugt mit ihren 120 Jahren somit auch von der wechselvollen deutschen Geschichte: Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und »Drittes Reich«, Nachkriegszeit, Wirtschaftswunderjahre der Bundesrepublik und Wiedervereinigung.

Hans-Werner Kopsch hofft, dass das Geschäft auch durch die nächste Generation erfolgreich weitergeführt wird.

Nathalie Dimmer – Wilhelmstädter Magazin Nr. 6, Dezember/Januar 2013

 

Hohenzollern-Apotheke, Pichelsdorfer Straße 100, Tel.: 331 84 47, www.hozoapo.de
Öffnungszeiten: Mo, Di, Do, Fr: 8:30 – 19 Uhr; Mi: 8:30 – 18:30 Uhr; Sa: 8:30 – 13:30 Uhr

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