Humidor und Hausmarke

»Zigarren-Lüdicke« gibt es seit 1870 in der Pichelsdorfer Straße – Andreas Wagner führt das Traditionsgeschäft fort

Öffnet man die Tür, umfängt einen ein angenehmer, dezenter Duft. Eine Melange aus frisch Gedrucktem, Kaffee – und Tabak. Nicht der unangenehm- abgestandene Geruch kalten Zigarettenrauchs und übervoller Aschenbecher, sondern der Duft von frischem Tabak, verpackt als Zigarren in Holzkästchen oder als Pfeifentabak.

»Zigarren-Lüdicke. Seit 1870« steht auf dem Schild über dem Laden in der Pichelsdorfer Straße, kurz vor der Kreuzung Weißenburger. Es ist damit das älteste Geschäft in der Wilhelmstadt, und der jetzige Inhaber, Andreas Wagner, ist der erste, der nicht Lüdicke heißt. Andreas Wagner bittet zu einem kleinen Tischchen mit zwei Sesseln im Ladenraum, bringt einen Kaffee (einen sehr guten Kaffee!), der Aschenbecher auf dem Tisch ist blank geputzt – es darf geraucht werden. Er selbst raucht seit 15 Jahren keine Zigaretten mehr, er genießt hin und wieder einen Zigarillo. Er hat es auch mal mit Pfeiferauchen versucht. Aber Pfeife, sagt Wagner, braucht viel Zeit und Muße – die er oft nicht hat. Ebenso wie viele andere, weshalb die Zahl der pfeiferauchenden Kunden in seinem Geschäft eher klein ist – dafür aber konstant.
An der Wand hängt ein Bild mit vier Porträts – die Ahnenreihe der Lüdickes, die den Laden im Laufe der Jahrzehnte führten. Lüdicke Senior, der Gründer des Geschäfts, hatte das Haus in der Pichelsdorfer Straße 91 im Jahr 1870 bauen lassen. Im Erdgeschoss des Vorderhauses eröffnete er den Tabakladen. Wie es zu dieser Zeit üblich war, wohnte die Familie Lüdicke selbst im Haus – in der ersten Etage und im Hinterhaus. Lüdicke produzierte auch selbst Zigarren, die Manufaktur befand sich in einem Nebengelass auf dem Hof. Dort stand auch das Pferdefuhrwerk, mit dem die Ware in Spandau und Umgebung ausgeliefert wurde – bis nach Wustermark.
Andreas Wagner übernahm vor 17 Jahren das Geschäft. Die BEWAG, sein früherer Arbeitgeber, baute gerade Personal ab und zahlte Abfindungen. Wagner schaute sich nach einem soliden kleinen Geschäft um und fand »Zigarren-Lüdicke«, die Tochter der Lüdickes wollte es selbst nicht weiterführen.
Wagner ist selbst gebürtiger Spandauer, er kennt den Wilhelmstädter Kiez gut, das Geschäft ist fester Bestandteil der Nachbarschaft. Es ruht auf mehreren Säulen: Tabakwaren und -zubehör, Zeitungen und Zeitschriften, Lotto, Paketannahme. Doch nichts an dem Laden wirkt ramschig, alles ist gepflegt und wohlgeordnet: Die säuberlich im Regal aufgereihten Zeitschriften, die druckfrischen Zeitungen, Zigarrenkistchen in Vitrinen, ebenso wie neuerdings auch E-Zigarettenzubehör, einige Sorten guten Whiskys sind hinter dem Verkaufstresen aufgereiht, passend zu Pfeife und Zigarren.
Das Geschäft funktioniert dank der Stammkundschaft – Nachbarn kommen, kaufen sich hier ihre Zeitungen und Zigaretten, geben ihren Lottoschein oder Pakete ab. Zigarrenund Pfeifenkunden kommen auch aus dem Umland und nehmen gern den weiteren Weg in Kauf.
Die Stammkundschaft bleibt stabil – trotz aller Widrigkeiten. Ein Einschnitt war natürlich das Nichtraucherschutzgesetz. Außerdem ist da die Konkurrenz aus Polen, wo die Leute stangenweise Zigaretten einkaufen, weil die billiger sind als in Deutschland mit Preisbindung und hoher Tabaksteuer. Und natürlich die Konkurrenz des Internets, in dem man inzwischen so ziemlich alles bestellen kann, was man möchte. Wagner sieht das allein schon an seiner Paketannahme – immer mehr Waren gehen per Post auf den Weg. Doch das Internet kann nicht die fachkundige Beratung und das persönliche Gespräch ersetzen. »Als ich hier anfing«, sagt Wagner, »war ich natürlich kein Experte in Sachen Tabak. « Er machte dann Schulungen mit, bildete sich fort, besuchte zahlreiche Fachhändler. Zertifikate im hinteren Raum bescheinigen ihm das Fachwissen in Sachen Zigarren und Pfeife. Jede Zigarrensorte, die er verkauft, hat er auch selbst probiert.
Andreas Wagner lädt ein, seine kleine Schatzkammer zu besichtigen. Sie befindet sich hinter dem Ladenraum. »Mein Humidor« sagt Wagner liebevoll und mit sichtlichem Stolz. Ein Humidor ist ein Behälter, in dem Zigarren fachgerecht gelagert werden, bei konstanter Temperatur und der notwendigen Luftfeuchtigkeit. Wagners Humidor ist ein kleiner Raum, in dem die besonders guten Zigarren in ihren Kistchen aufgereiht sind wie Preziosen: Zigarren aus Kuba, natürlich, aus der Dominikanischen Republik, aus Ecuador.
Die teuerste Zigarre, die Wagner im Angebot hat, ist eine kubanische Cohiba Esplendido, 27 Euro das Stück. Aber der Preis allein sagt noch gar nichts, findet Wagner. Was für ihn zählt, sind Geschmack und Qualität.
Und dann präsentiert Andreas Wagner stolz ein weiteres Schätzchen: eine Dose mit selbstkreiertem Pfeifentabak, die Hausmarke sozusagen. Wagner lässt den von ihm komponierten Tabak bei der Kreuzberger Firma »Planta« produzieren. »Die Hausmarke ist hier der Renner«, freut er sich.
Durch das Schaufenster sieht er direkt auf das Treiben in der Pichelsdorfer. Die geplanten Erneuerungsmaßnahmen für die Straße findet er gut, er hat auch die Veranstaltungen dazu besucht. Nur glaubt er nicht, dass sich damit die Einzelhandelsstruktur verbessern lässt. Er hat inzwischen viele Geschäfte kommen und gehen sehen, er kennt die Straße noch als Kind. Selbst noch vor zwanzig Jahren, sagt er, gab es hier kaum Leerstand. Die Ursache für den allmählichen Niedergang sieht er vor allem in der Eigentümerstruktur: Immer mehr Häuser gehören inzwischen Immobiliengesellschaften, die oft weit weg sitzen und die Häuser nicht mal kennen. Denen die Art der Läden vor Ort egal ist, auch der Leerstand, denn den kann man sogar steuerlich absetzen.
Wagner jedoch will so lange durchhalten, wie es geht und die Miete es erlaubt. Schließlich ist sein Laden immer noch ein echter Kiezladen.

Ulrike Steglich, Wilhelmstädter Magazin Nr. 1, Februar/März 2018

Zigarren Lüdicke, Pichelsdorfer Str. 91, Tel. 3313249

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