In der Wunder-Bar

Wie ein türkischer Zuwanderer die Berliner Kiezkneipenkultur aufrecht erhält

Während die Eckkneipenkultur sonst nach und nach ausstirbt, hat die Wunder-Bar in der Weißenburger Straße 44 in den letzten Jahren großen Zulauf gefunden. Ihr Inhaber Feyzullah Erol meint: »Wir haben Glück und ein gemischtes Publikum. Unsere Gäste sind zu einer Gemeinschaft geworden.«

An einem nassen Novembermorgen um 11 Uhr ist die Weißenburger Straße wie leergefegt. Nur eine Gruppe kleiner Kinder läuft warm verpackt in Begleitung von drei Erzieherinnen die Straße hinunter. In der Wunder- Bar in der Weißenburger 44 aber herrscht (noch oder wieder?) reger Betrieb. Auf dem Flachbildfernseher neben der Theke läuft Albert Kings »I wanna get funky«. An der Bar sitzen drei Stammkunden, vor den Spielautomaten trinken drei junge Männer in Arbeitskleidung ihr Bier aus und lassen die Zeche anschreiben. Im hinteren Raum nahe dem Billardtisch sitzt ein Grüppchen beim Kaffee. Ihr lautes Lachen hallt bis nach vorne.

Die Wände der Kneipe sind orange, auf dem Boden liegt grauer Teppich. Eines der Fenster ist geöffnet, damit der Rauch rauszieht, es ist kalt. Die Kälte stört die drei Männer an der Bar kein bisschen. Das von außen einfallende Licht irritiert sie viel mehr: »Ihr braucht Rollläden!« ruft einer der Männer im Spaß: »Ich will doch nicht wissen, wie hell es ist.« Die Barkeeperin Tanja winkt ab: „Ach, Schwachsinn.« Sie schenkt eine weitere Runde ein und sagt lachend: »Die, die jetzt hier sitzen, sind alles Stammkunden. Die haben die Nacht durchgearbeitet und treffen sich hier, um runterzukommen.«

Der Inhaber der »Wunder-Bar«, Feyzullah Erol, kommt gerade an mit neuer Ware. Einer der Gäste an der Bar steht auf und hilft beim Ausladen. Früher war in den Räumen der Wunder-Bar ein Frühstückscafé. Seine Frau, erzählt Feyzullah Erol, kannte das »Maxwell« noch aus ihrer Jugend. Als die Räume ihres einstigen Stammcafés leer standen, überredete sie ihn, sie zu pachten. »Ich hatte als Koch in einem Fischrestaurant hier in Spandau von morgens bis abends gearbeitet und unsere beiden Söhne so gut wie nie gesehen«, erzählt Feyzullah Erol. »Da hat sie gesagt: ›Wenn du schon so viel arbeitest, dann wenigstens für dich selbst.‹«

Er lächelt: »Eigentlich wollte ich auch ein Frühstückscafé aufmachen, aber die Auflagen der Behörden waren streng. Um einen separaten Raucherraum zu haben, hätten wir unter anderem ganz neue Toiletten bauen müssen. So kam es dann zur Wunder-Bar.«

Feyzullah Erol hat von klein auf in der Gastronomie gearbeitet: »Ich habe als 14-Jähriger in Izmir eine Ausbildung zum Koch gemacht und bin dann vor 15 Jahren bei einem Berlin-Urlaub spontan von Freunden gebeten worden, bei ihnen im Restaurant anzufangen.« Seine Familie in Izmir vermisst er zwar, ist aber durch seine eigene kleine Familie nun hier verortet. »In der Türkei habe ich auch sieben Monate des Jahres auswärts gearbeitet und war selten zu Hause.«

In Berlin arbeitete und lebte Feyzullah Erol zunächst in Kreuzberg. Dann lernte er seine Frau kennen und zog zu ihr in die Wilhelmstadt. »Der Kiez erinnert mich an mein Heimatdorf«, sagt er: »Hier kennt jeder jeden.« Mittlerweile sieht er sich längst als Spandauer: »Als ich neulich mit ein paar Stammkunden in Hamburg war, um ein Hertha-Spiel zu sehen, habe ich mich da als Ausländer gefühlt.«

Erol geht öfter mit seinen Stammkunden Hertha gucken. Der »Wunder-Bar« merkt man seine Liebe zu Berlin und dem Fußballverein Hertha an: Im hinteren Raum hängen gerahmte Schwarz-Weiß-Fotos des alten Berlins, neben der Bar sieht man ein großes Bild vom Brandenburger Tor, über der Bar und an der Wand hängen Trikots und Fan-Schals von Hertha. »Mittlerweile sind wir eine Gruppe von mehr als dreißig Leuten, die sich hier regelmäßig treffen, um Auswärtsspiele zu sehen. Die meisten sind Stammkunden oder über den Fußball zu Stammkunden geworden.«

Und auch sonst, erzählt der Familienvater, sind die Gäste der Kneipe zu einer eingeschworenen Gemeinschaft geworden: »Ich bin eigentlich täglich hier. Wenn ich aber mal krank bin und ein oder zwei Tage nicht komme, fragen schon immer alle: Wo warst du?«

Manchmal, so erzählt er, vermisst er seine Arbeit als Koch, den damit verbundenen Stress aber nicht: »Die Bar ist – im Gegensatz zur Arbeit in der Küche – ein positiver Stress. Es gibt keinen Zeitdruck, ich kann mir meine Zeit selbst einteilen und mich um meine Söhne kümmern. Zum Glück habe ich nur kurze Wege: Die Wohnung, die Schule, alles ist um die Ecke.«

Wenn er Hilfe in der Bar braucht, kommt seine Frau aus ihrem benachbarten Fischladen. Wenn sie im Gegenzug Hilfe im Fischladen braucht, springt er ein. Demnächst eröffnet das Paar neben dem Fischladen noch eine Cocktailbar: die »Sonder-Bar«.

Feyzullah Erol lächelt. »Es hat sich alles immer einfach so ergeben in meinem Leben, aber ich finde, ich habe alles ganz gut auf die Reihe bekommen.«

 

Eva-Lena Lörzer, Wilhelmstädter Magazin Nr. 6, Dezember 2016

Wunder-Bar, Weißenburger Str. 44, 13595 Berlin

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