Nach Lust und Laune

Seit 2006 betreiben Atef El Basta und seine Mitarbeiter in der Adamstraße 4 eine Kombination aus Reisebüro und Café.

Ursprünglich hieß das Geschäft »Satori Travel – Reisen und Mee(h)r«. Vor kurzem aber ist aus dem Reisebüro mit Café ein richtiges Restaurant geworden: »Die Kichererbse«. Die Reiseberatung bleibt dennoch erhalten.

Durch die lange Schaufensterscheibe lässt sich nicht sofort erkennen, um was es sich bei der »Kichererbse« eigentlich handelt: Links sieht man eine Theke, rechts einen Schreibtisch. Die Sitzmöbel im Raum sind großenteils antik, an den Wänden befinden sich Fototapeten mit gezeichneten orientalischen Motiven, die an Tausendundeine Nacht erinnern. In der Mitte des Raumes machen der Geschäftsführer und Koch Atef El Basta und eine Angestellte gerade eine kurze Pause, rechts im Eingangsbereich sitzt der gelernte Reiseverkehrskaufmann Jürgen Schäfer hinter einem langen Tisch und gibt etwas in die Suchmaske seines PCs ein.

Sein Schreibtisch mit Chippendale-Wartecouch gegenüber ist eines der letzten etablierten Reisebüros in der Wilhelmstadt. Es hat die Umstellung auf Vermittlungspauschalen im Jahr 2003 und die allgemeine Internet-Konkurrenz durch eine neue Geschäftsidee überlebt: Atef El Basta, Koch aus Leidenschaft und früher Geschäftsführer des Reisebüros, verband die Reiseberatung mit einem Restaurant. Aus dem einstigen Betrieb mit sechs Mitarbeitern gegenüber in der Adamstraße 49 ist nach dem Umzug in die größeren Räumlichkeiten ein Ein-Mann-Betrieb geworden. Hauptsächlich werden Busfahrten innerhalb Deutschlands verkauft, die Top-Angebote sind Pauschalreisen für Frühbucher.

Ihre Mischung aus Reisebüro und Restaurant habe inzwischen sogar einige Nachahmer gefunden, erzählen Atef El Basta und Jürgen Schäfer. Zwischenzeitlich teilten sich die Mitarbeiter den Raum auch noch mit einem Immobilienmakler. Seit Beginn dieses Jahres setzen sie wieder auf ihr ursprüngliches Konzept »Reisen und Mee(h)r«, haben das gastronomische Angebot aber ausgebaut und den Raum so umgestaltet, dass er nicht mehr aussieht wie ein Reisebüro mit Bistro, sondern wie ein orientalisches Restaurant mit Reiseberatung. Der Immobilienmakler ist in die Kellerräume gezogen, die Ausgaben werden nach wie vor gedrittelt.

Jürgen Schäfer ist ausgebildeter Einzelhandelskaufmann, Ende der 90er Jahre machte er eine Umschulung zum Reiseverkehrskaufmann. Der aus Ägypten stammende Atef El Basta hat in seinen 38 Jahren in Deutschland schon einige Berufe ausgeübt: Er war u.a. Wirtschaftsberater und Mediator, eine Weile hatte er sogar einen eigenen Buchverlag: »Aber ich war immer ein leidenschaftlicher Koch«, lacht er. Man merkt den beiden Männern an, wie viel Spaß sie an ihrer Arbeit haben, was für ein gut eingespieltes Team sie sind. Das Geschäft geht gut: Viele der Reisebürokunden gehen bei El Basta Kaffee trinken oder nach erfolgreich gebuchter Reise essen, die Restaurantgäste El Bastas wiederum bekommen beim Essen mit Blick auf die arabischen Szenen an den Wänden nicht selten Fernweh und lassen sich anschließend bei Schäfer über mögliche Reiseziele beraten.

Die Stammkundschaft der beiden Männer ist eher älter. »Mit vielen haben wir ein sehr freundschaftliches Verhältnis und duzen uns und scherzen auch mal«, sagt Jürgen Schäfer. Um auf sie einzugehen, hat der Hobbykoch El Basta seine Küche am Anfang ganz auf ihren Geschmack abgestimmt: »Ich habe vor allem deutsche Klassiker gekocht, etwa Königsberger Klopse.« Nach einer Weile aber wurde ihm das zu einseitig. »Ich wollte lieber Gerichte kochen, die ich auch selber esse.« Die neue Karte entwarf er gemeinsam mit seiner Familie und in Absprache mit Jürgen Schäfer. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Speisen aus dem orientalischen Raum wie Hummus (die berühmte Paste aus Kichererbsen, die dem Restaurant auch seinen Namen gab), Shakshouka und Koshari neben klassischer deutscher Hausmannskost, mediterranen Gerichten und experimentellen Eigenkreationen. Zum Angebot gehören neben einer Frühstückskarte und einer wechselnden Wochenkarte auch Salate, Vorspeisen und eine Spezialkarte für die Hummus-Spezialitäten des Hauses. »Was wir hier anbieten, gibt es sonst so nirgendwo, alle Rezepte stammen von mir«, sagt El Basta.

»Dadurch schmeckt mein Essen nie gleich. Ich koche immer frisch und nach Lust und Laune.« Viele seiner Gerichte sind vegetarisch oder sogar vegan. Wegen dieser Angebote kommen jetzt auch mehr junge Leute zu uns,« sagt El Basta. »Aber viele sind vorsichtig, wenn sie etwas noch nicht kennen.«

Um auch sie von den neuen Gerichten zu überzeugen, hat er Erklärungen über Herkunft und Zubereitung der Zutaten in die Karte gesetzt und sich ein neues Vermarktungskonzept überlegt: Ab jetzt bietet er montags, mittwochs und freitags ab 16 Uhr kostenlose Proben für angemeldete Testesser an. Er lehnt sich lächelnd zurück: »Jetzt müssen sich die Leute nur noch trauen.«

 

Eva-Lena Lörzer, Wilhelmstädter Magazin Nr. 3, Juli/ August 2016

»Die Kichererbse«, Adamstraße 4, 13595 Berlin, Tel. 030.36 28 77 33,
kostprobe@diekichererbse.de, www.facebook.com/diekichererbse/

Zurück zur Übersicht

Weitere Portraits von Gewerbetreibende

  • s
    Pizzabäcker aus Leidenschaft

    »Solo Pizza« in der Wilhelmstraße feiert im September sein zehnjähriges Bestehen Chapeau und Glückwunsch! »Solo Pizza« in der Wilhelmstraße hat kürzlich im Kabel1-Gastro-Wettbewerb »Mein Lokal, Dein Lokal« unter zahlreichen Bewerbern das Finale gewonnen. Den Betreibern wurde bescheinigt, die [...]

    Weiter lesen
  • s
    Ein Fest für alle

    Gerade klingelt das Handy, das vor Andrew Alex auf dem Tisch liegt. Die Sekretärin der Melanchthon- Gemeinde ist dran und bringt die frohe Botschaft: Der Pfarrer hat zugesagt – er wird zum geplanten Fest am Metzer Platz einen [...]

    Weiter lesen
  • s
    Die Nachbarschaft nicht im Stich lassen

    Vor fast genau einem Jahr übernahm Marzanna Rincke das Geschäft in der Adamstraße, das zuvor viele Jahre als »Elektro-Wagner« bekannt war und in dem sie selbst mehr als 18 Jahre angestellt war. Als ihr Chef im letzten Jahr [...]

    Weiter lesen
  • Logo Eight
  • Logo Seven
  • Logo Six
  • Logo Five
  • Logo Four
  • Logo Three
  • Logo Two
  • Logo One