Ein Fest für alle

Die Inhaber des »Kö Reloaded« organisieren ein Kiezfest am Metzer Platz am 12. und 13 August. Einfach so.

Gerade klingelt das Handy, das vor Andrew Alex auf dem Tisch liegt. Die Sekretärin der Melanchthon- Gemeinde ist dran und bringt die frohe Botschaft: Der Pfarrer hat zugesagt – er wird zum geplanten Fest am Metzer Platz einen Sonntagsgottesdienst abhalten, unter freiem Himmel, vor dem »Kö reloaded«.

Andrew Alex ist der Wirt des »Kö reloaded« am Metzer Platz und nicht zu übersehen: ein großer, präsenter Mensch mit sympathisch breitem Lachen; er ist in Australien geboren, deshalb der Vorname, aber dass er dennoch ein Urberliner ist, ist unüberhörbar. Seine Partnerin Susi ist in mancher Hinsicht das Kontrastprogramm: zierlich, eher still und zurückhaltend – aber ebenso zugewandt. Gerade hat sie noch die gelbe Gießkanne vor dem Restaurant abgestellt. Sie hat die Baumscheibe vor dem Geschäft selbst liebevoll mit Blumen und allerlei Gewächs bepflanzt und pflegt sie. Auch vor der Ladentür leuchten bunte Geranien in Töpfen.

Vor drei Jahren haben die beiden das Lokal übernommen, das zuvor »Metz« hieß, dann »Sansibar«, und ganz früher »Kö«, wie »Queue«, weil es mal eine Billardkneipe war. Wegen Sansibar, so erzählt Andrew, hatte der Vorbesitzer juristische Auseinandersetzungen, weil der Name geschützt ist – eine große Firma, die auch Gastronomie auf Sylt betreibt, hatte gegen die kleine Spandauer Kneipe geklagt. Die Welt kann manchmal sehr meschugge sein, auch im Kleinen. Der damalige Inhaber gab notgedrungen nach und benannte das Lokal um: traditionsbewusst in »Kö reloaded«. Wenig später verstarb er.

Andrew, der seit 26 Jahren in der Gastronomie arbeitet und schon lange in Tegel ein Lokal führt, übernahm das Restaurant, das zugleich auch Bar und Café ist – er hatte Lust, auch ein Speiselokal zu betreiben. Heute gibt es hier, im »Kö reloaded« am Metzer Platz, frische Berliner Küche mit einer festen Speisekarte und täglich wechselnden Mittagsgerichten. Und weil gerade Erdbeersaison ist, steht auch eine frische Erdbeerbowle bereit. Es gibt eine Kinderecke mit Mal- und Spieltisch im Restaurant (was für deutsche Lokale nicht eben üblich ist) und Andrew kennt viele seiner Gäste persönlich. Andrews Hund übrigens auch – Stammgästen folgt er sofort, in der Hoffnung auf Leckerlis. Die Hoffnung wird selten enttäuscht.

Rund um das Kö geht es manchmal fast dörflich zu: Man kennt sich, grüßt sich, wechselt nette Worte, scherzt. Ältere Damen trinken gern hier unterm Sonnenschirm ihren Kaffee, Arbeiter freuen sich auf eine anständige Mittagsmahlzeit.

Susi und Andrew sind Menschen, die von Politikern gern so im Allgemeinen gelobt werden, ohne dass Politiker mehr über sie wüssten. Es sind bodenständige Menschen, die nicht nur klaglos als Selbstständige für ihre Existenz sorgen und Steuern zahlen, sondern darüber auch die Nachbarschaft nicht vergessen. Die spontan machen und sich engagieren, ohne großes Getue.

Die beiden haben einfach so beschlossen, etwas für ihren Kiez zu tun. Sie organisieren ein kleines Fest auf dem Metzer Platz. Es soll am 12. und 13. August, einem Wochenende stattfinden. Eine Bühne wird organisiert, auf der Bands spielen werden, es wird Kaffee und Kuchen geben und Leckeres vom Grill, außerdem eine Hüpfburg für die Kinder und Torwandschießen. Für die Bühnendarbietungen suchen die beiden noch Tanzgruppen, und außerdem nach Freiwilligen, die beispielsweise Kinderschminken anbieten. Die Weinhandlung Berndt-Trump ist mit dabei, auch das Restaurant »Croatia« von nebenan beteiligt sich am Fest.

Susi hatte dann die Idee, auch die Melanchthon-Kirche anzufragen. Immerhin gibt es viele ältere, gläubige Menschen im Kiez. Warum also nicht am Sonntagmorgen um 10 Uhr einen Gottesdienst unter freiem Himmel vor dem Kö abhalten? Der Pfarrer ist, wie gesagt, inzwischen mit im Boot.

Für Andrew und Susi ist das ganze Organisieren noch Neuland, ehrenamtlich dazu: die Nachbargeschäfte anfragen, ob sie mitmachen, überhaupt Mitwirkende suchen. Und die vielen amtlichen Genehmigungen, die eingeholt werden müssen, sind atemberaubend: Feuerwehrzufahrt, Polizei, Straßen- und Grünflächenamt, Umweltamt. Dazu eine Veranstaltungshaftpflichtversicherung. Aber sie bekommen Unterstützung – vor allem vom Geschäftsstraßenmanagement Wilhelmstadt, auch vom Bezirk.

Auch die Bezirksparteien hätten sich gern eingeklinkt – so kurz vor der Bundestagswahl. Aber da hat Andrew lieber abgewinkt. Nicht aus Politikverdrossenheit. »Ich hab nichts gegen die Parteien«, sagt er. »Aber wenn hier eine Partei mit einem Stand antritt, wollen alle anderen auch. Und ich will hier keinen Parteitag.«

Dafür soll es an diesem August-Wochenende eine bunte Mischung geben. Kindervergnügen, Gottesdienst, Bands, Tanz, Holzkohlegrill, Essen und Trinken. Es soll, so sagt Susanne auf ihre ruhige Art, eben ein Fest für alle sein.

Dann muss nur noch das Wetter mitspielen – denn das ist das einzige, was man leider weder planen, vorbereiten noch beantragen kann.

 

Ulrike Steglich, Wilhelmstädter Magazin Nr. 4, Juli/ August 2017

Kö reloaded, Metzer Straße 19, 13595 Berlin, Tel. 030.55 14 76 56, Öffnungszeiten: Mo–Sa ab 9 Uhr, So ab 10 Uhr

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